21. Jul

Hamburger Orgelsommer in St. Michaelis: Johannes Zeinler

Johann Sebastian Bach: Chaconne in d-Moll,
aus der 2. Partita für Violine solo, BWV 1004 (Transkription für Orgel von Arno Landmann)
Thomas Lacôte: Phteggomai (2017)
Wolfgang Amadeus Mozart: Andante F-Dur KV 616 »für eine Walze in eine kleine Orgel«
Charles Marie Widor: Symphonie Romane op. 73

Johannes Zeinler (Foto: privat)

„Der Hörer steht dieser Chaconne gegenüber wie einer elementaren Erscheinung, welche in ihrer unbeschreiblichen Großartigkeit begeisternd wirkt und zugleich schwindelerregend und sinnverwirrend. Der überflutende Gestalten-Reichtum, aus wenigen kaum bemerkbaren Quellen sich ergießend, verrät sowohl die genaueste Kenntnis der Violintechnik als die absoluteste Herrschaft über eine Phantasie, wie sie kolossaler wohl niemals ein Künstler besessen hat. […] Wer die musikalischen Gedanken einmal abstract betrachtet, wird glauben, das Instrument müsse bersten und brechen unter dieser riesigen Wucht, und vieles davon würde sicherlich den Klangmassen der Orgel und des Orchesters gewachsen sein.“
Inspiriert durch diesen Abschnitt aus Phillip Spittas Bach-Biografie, transkribierte Arno Landmann die monumentale Chaconne etwa 200 Jahre nach ihrer Entstehung für Orgel. Dabei handelte er im Sinne Bachs, der selbst auch einige seiner Kompositionen für Violine in Orgelstücke umarbeitete. Von seiner Zeit geprägt, hüllt Landmann das Werk allerdings in einen spätromantischen, orchestralen Mantel und präsentiert eine wertvolle Auseinandersetzung mit diesem bedeutenden Meisterwerk.
Thomas Lacôte zählt als Nachfolger Olivier Messiaens an der Kirche La Trinité zweifelsohne zu den interessantesten Musikerpersönlichkeiten der heutigen Pariser Szene. An der französischen Tradition anknüpfend entdeckt er mithilfe intensiver musikwissenschaftlicher Forschung und Experimentierfreudigkeit auf beeindruckende Weise neue Klangwelten. Das zentrale Element von Phteggomai bildet das bis heute über Jahrhunderte für französische Orgeln typische Grand Cornet. Sein markanter Klang diente zu Beginn vor allem als Verstärkung für die im Diskant schwächeren Zungenregister und kam prinzipiell nur im Ensemble zum Einsatz. Deshalb wird dieses Register üblicherweise erst ab dem c1 gebaut, was auch dem Ausgangspunkt von Phteggomai entspricht. Ein weiteres wichtiges Element in dieser Komposition ist der Raum, welcher im Allgemeinen ein wesentliches Element beim Musizieren darstellt. Dieses Stück bindet bewusst die Akustik des Raumes ein und konzentriert sich somit auf das Verklingen von Tönen und deren Charakteristik. Dabei wird unter anderem ganz subtil versucht, den Nachhall durch spezielle Kompositions- und Spieltechniken zu beleben bzw. zu verzerren, ohne dass man zusätzliche Töne wahrnimmt.
Obwohl etliche Briefe über Mozarts Begeisterung für die Orgel berichten und er sie als den „König aller Instrumente“ bezeichnete, sind uns aus seiner Feder kaum originale Stücke erhalten. Als Glücksfall können es Organisten bezeichnen, dass Mozart drei zauberhafte Werke für die damals beliebten Flötenuhren komponierte. Dabei handelt es sich um mit Pfeifen ausgestattete mechanische Automaten, die zu bestimmten Zeiten Musik von einer Walze wiedergaben. Nachdem der Klang dieser Flötenuhren dem Orgelklang am nächsten ist, bedienen sich Organisten gerne dieser Stücke. Im Gegensatz zu den beiden teils dramatischen bzw. heroischen Fantasien in f-Moll, hat das Andante in F-Dur einen sehr lieblichen, entzückenden Charakter in Form eines Rondos.
Die Symphonie Romane ist Charles-Marie Widors zehnte und letzte Orgelsymphonie und wurde der romanischen Basilika St. Sernin in Toulouse gewidmet. Als Thema dient das Ostergraduale „Haec dies“, welches die gesamte Symphonie prägt.
Nach einer kurzen, frei einleitenden Geste erklingt im Moderato sogleich das Thema, das im Laufe des Stückes durch die Stimmen wandert und am Höhepunkt des Satzes in Doppelpedalspielweise erklingt. Der zweite Satz Choral bringt das Thema zunächst in Form eines strengen Satzes, welcher sich sodann in einer freieren Textur mit einer solistischen Oberstimme und Imitationen in der Begleitung auflöst. In weiterer Folge tritt ein freies Thema hinzu, welches durch eine Arpeggio-Begleitung in der linken Hand getragen und vom Hauptthema im Pedal untermauert wird. Die Cantilène entfernt sich mit ihrem elegant freien Klarinettensolo am weitesten vom „Haec dies“ und lässt Anklänge an die Ostersequenz „Victimae paschali“ vermuten. Das Final ist eine typische französische Orgeltoccata, welche mithilfe ihrer motorischen Bewegungen den Osterjubel noch einmal versinnbildlicht.

Johannes Zeinler


Johannes Zeinler: Als Gewinner des 1. Preises beim Internationalen Orgelwettbewerb in St. Albans 2015 und des „Grand Prix de Chartres“ 2018 zählt der österreichische Organist, Cembalist und Kirchenmusiker zu den erfolgreichsten Nachwuchsorganisten seiner Generation. Ihm gelang es als Erster, bei beiden prestigeträchtigen Wettbewerben als Sieger hervorzutreten.
Sein Studium absolvierte er an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien in Orgel bei Pier Damiano Peretti und Klaus Kuchling, in Klavier bei Christiane Karajev sowie in Kirchenmusik. Während eines einjährigen Studienaufenthaltes in Toulouse erhielt er wichtige Impulse im französischen Repertoire von Michel Bouvard, Jan Willem Jansen (Orgel) und Yasuko Bouvard (Cembalo). Das Masterstudium führte ihn an die Hochschule für Musik und Theater Hamburg, wo er sich im Bereich der Alten Musik bei Wolfgang Zerer (Orgel) und Menno van Delft (Cembalo, Clavichord, Kammermusik) weiterbildete. Im Rahmen dieses Studiums fand eine enge Zusammenarbeit mit dem Prins Claus Conservatorium in Groningen statt, wo er weitere Anregungen durch Theo Jellema (Orgel und Improvisation) und durch Johan Hofmann (Cembalo) erhielt.
Seine Engagements führten in bereits an das Kings College Cambridge, in die Bavokerk Haarlem, die Hauptkirche St. Jacobi Hamburg, das Stift Klosterneuburg, die Basilika St-Sernin in Toulouse, die Kathedrale von Poitiers, die Kirche Ste-Croix in Bordeaux, die Kathedrale Notre Dame de Paris, die Philharmonie Essen, das Mariinsky Theater St. Petersburg und den Wiener Musikverein.

Veranstaltungsort
Hauptkirche St. Michaelis
Englische Planke 1
20459 Hamburg
Datum
Mittwoch, 21. Juli 2021
Uhrzeit
19.00 Uhr
Ticketinfo
Karten: € 10,00 (zzgl. Vorverkaufsgebühr) - Ermäßigungen an der Abendkasse
Zusatzinformationen
Unnumerierte Plätze.

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