Die Orgelbewegung

Hamburgs Beitrag zur Reformbewegung

Um die Entwicklung des Orgelbaus im 20. Jahrhundert, insbesondere die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg zu verstehen, muss man die Entwicklungen der „Orgelbewegung“ betrachten, die am Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Ursprünge hat:

1906 veröffentlichten Albert Schweitzer und der Straßburger Organist Émile Rupp zwei Schriften: „Zurück zur wahren Orgel“ und „Die Orgel der Zukunft“. Albert Schweitzer wendete sich gegen die „moderne Fabrikorgel“ und sah wie Rupp in der elsässischen Orgeltradition der Silbermann-Familie und auch im Pariser Orgelbauer Cavaillé-Coll die Vorbilder für die „Elsässische Orgelreform“. Zunächst fanden diese Gedanken nur wenig Zustimmung.

Weitaus einflussreicher war die 1925 durch Hans Henny Jahnn einberufene „Organisten-Tagung in Hamburg-Lübeck“. Dem avantgardistischen und umstrittenen Reformer Jahnn ist ganz wesentlich der Erhalt der Arp-Schnitger-Orgel in St. Jacobi in der Hamburger Innenstadt zu verdanken. Auf der Grundlage seiner durch Untersuchungen an dieser Orgel gewonnenen Erkenntnisse, trug er folgende programmatische Ansätze vor: Rückkehr zur mechanischen Spieltraktur sowie Orientierung an den Bau- und Klangprinzipien des klassischen Orgelbaus.

Der Organist der Thomaskirche zu Leipzig, Günther Ramin, schrieb am 23. Januar 1929: „Hans Henny Jahnn ist meines Erachtens als Reformator auf dem Gebiete des Orgelbaus von einschneidender positiver Bedeutung, weil er als erster nach dem Kriege auf den lebendigen Wert der noch gut erhaltenen Barockorgeln des deutschen Nordens hinwies und darüber hinaus Forderungen für eine Neugestaltung im Orgelwesen aufstellte, deren Erfüllung im Interesse der gesamten Orgelbaukunst überhaupt liegt.“

Seine Ideen konnte Jahnn unter anderem 1931 in der Ansgar-Kirche in Hamburg Langenhorn mit einer der ersten neu errichteten Schleifladenorgeln verwirklichen. Weitere Instrumente entstanden in St. Pauli und in der Heinrich-Hertz-Schule. Von den Orgelneubauten, die in Zusammenarbeit mit Hans Henny Jahn entstanden, haben allerdings nur wenige bis heute Bestand. Wirkungsgeschichtlich ist Jahnn als Schriftsteller, Musikverleger und Organologe weitaus bedeutender denn als Orgelbauer.

Einflussreich für die Orgelbewegung war auch der von dem Musikwissenschaftler Willibald Gurlitt (1889–1963) angeregte Versuch, eine Renaissance-Orgel klanglich zu rekonstruieren. Oscar Walcker setzte 1921 diese Anregung mit dem Bau der „Freiburger Praetorius-Orgel“ um. Sowohl auf der Hamburger Orgeltagung 1925 als auch auf der „Freiburger Tagung für deutsche Orgelkunst“ 1926 wurde breit darüber diskutiert. In Organisten wie Günther Ramin und Karl Straube sowie dem Musikwissenschaftler und Theologen Christhard Mahrenholz fand die Reformbewegung prominente Unterstützung.

Text: Hans-Jürgen Wulf


Headerfoto: Hauptkirche St. Jacobi
Zum Bild: Der Kopf von Hans Henny Jahnn als Registerzug auf der linken Seite des ehemaligen Spieltisches der Arp-Schnitger-Orgel in St. Jacobi Hamburg (1950), geschaffen vom Hamburger Bildhauer Emerich von Koczma.

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